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75 Jahr Jubiläum

Wenn der Zürichsee tobt, bringen die Seeretter Hilfe

(Text aus dem Zolliker Bote vom 26.06.1992)

Mit interessanten Vorführungen für die Bevölkerung und mit einem grossen Hafenfest beim Schiffssteg feiert der Seerettungsdienst Zollikon am 4./5. Juli 1992 seinen 75. Geburtstag. Wenn die 24 Zolliker Seeretter auf dem Zü­richsee bei Windgeschwindigkeiten von über 100 km/h in Not geratenen Menschen helfen, erfüllen sie als For­mation der Zolliker Feuerwehr einen Auftrag, den der Kanton Zürich den Ufergemeinden zugewiesen hat.

Als die Gründung von Rettungsdien­sten am Zürichsee 1913 durch die eid­genössischen und kantonalen Behör­den angeregt worden war, hatte im Be­zirk Meilen Statthalter Arnold Schlat­ter klare Vorstellungen über die perso­nelle Zusammensetzung. Den Ufergemeinden empfahl er: «Zur Rettungs­mannschaft sind nur ehrbare Männer zu verwenden, die ein eigenes Schiff besitzen, gut rudern und schwimmen können und in allen Dingen seekundig sind.»

«Belieben Sie, uns mitzuteilen ...»

Am 8. Mai 1914 schrieb der Gemeinde­rat Zollikon Fritz Aeppli, dem späte­ren Gründer des Baugeschäftes Aeppli, einen Brief, in dem es unter ande­rem hiess: «Der Gemeinderat hat be­schlossen, eine Anzahl jüngerer Leute, die in der Nähe des Seegestades woh­nen, zu ersuchen, sich zum Rettungs­dienst zu verpflichten. Belieben Sie, uns umgehend mitzuteilen, ob wir Sie in die Liste der Rettungsmannschaft eintragen können.»

Drei Jahre später stand der Seeret­tungsdienst. Am 7. Juni 1917 geneh­migte der Gemeinderat die «Verord­nung betreffend das Rettungswesen auf dem See» und wählte Bautechniker Fritz Aeppli zum Chef und Kanzlist Oskar Gattiker zum Vize-Chef und Materialverwalter. Gleichzeitig erliess der Gemeinderat ein Dienstreglement. In dem von Hand geschriebenen Papier hiess es unter anderem: „Der Rettungsdienst zur See umfasst die Hilfeleistungen bei Schiffsunglücken, bei Unglücksfällen vom Lande aus (Ba­den, Fuhrwerke usw.) und bei Un­glücksfällen auf dem Eise bei Seegfrör­ne; sowie die zur Verhütung von Un­glücksfällen bei Seegfrörne tunlichen Absperrungen und Anbringung von Verboten zur Eisbetretung.»

In der Verordnung des Gemeinde­rats war zu lesen, dass sich die Ret­tungsmannschaft aus Freiwilligen re­krutiere und dass nur «Schwimm- und Fahrkundige» zugelassen würden. Pa­ragraph 15 regelte das Aufgebot: «Die Alarmierung der Rettungsmannschaft geschieht durch Läuten mit der Schiffs­glocke auf dem Wartehäuschen beim Schiffländeplatz.»

Erste Übung am 4. August 1917

Am Samstag, 4. August 1917, um 19 Uhr, war es dann soweit: Die «Ret­tungsmannschaft der Gemeinde Zolli­kon auf dem See» hatte zu ihrer ersten obligatorischen Übung anzutreten. Zwölf Namen findet man in der noch heute vorhandenen Liste: Fritz Aeppli, Ernst Kracke, Fritz Niederhauser, Os­kar Gattiker, Fritz Vedovelli, Heinrich Weber, Hans Nauer, Paul Gattiker, Gotthard Gattiker, Albert Streuli, Al­fred Engesser, Max Maurer.

Die ersten Seeretter unserer Ge­meinde erfüllten aufopfernd ihre Pflicht. Doch als am 12. Juni 1932 in der Zolliker Badeanstalt ein Mann na­mens Josef Meier ertrank, wurde der Seerettungsdienst zum Politikum. Am 2. Juli reichte nämlich Jakob Brupba­cher beim Gemeinderat eine Motion (heute Initiative) ein, die verlangte, dass für die Stelle des Bademeisters aus Sicherheitsgründen ein Vollamt zu schaffen sei und dass der Seerettungs­dienst neu organisiert werden müsse. Gegen den Willen des Gemeinderats hiess die Gemeindeversammlung am 9. November 1932 die Motion Brupba­cher gut, so dass die Behörden noch­mals über die Bücher gehen und neue Anträge unterbreiten mussten. Diese standen an der Gemeindeversammlung vom 19. Mai 1933 zur Diskussion.

Das erste Rettungsboot

Mit 244 gegen 177 Stimmen lehnte die Gemeindeversammlung den vollamtlichen Bademeister ab, war aber klar für die Neuorganisation des Seerettungsdienstes. Zu dieser Motionsforderung hatte der Gemeinderat zwei Anträge unterbreitet: die 16 Paragraphen umfassende «Verordnung über den Ret­tungsdienst auf dem See» und den Kre­dit von 14 500 Franken für die Anschaf­fung eines Motor-Rettungsbootes. Zur neuen Verordnung über den Seeret­tungsdienst schrieb der Gemeinderat in der Weisung an die Stimmbürger: «Um dieser Organisation ein festeres Gefü­ge zu geben, hat der Gemeinderat be­schlossen, die Mannschaft aus der Feu­erwehr zu rekrutieren.» Weiter hiess es in der Weisung: «Durch Anschaffung eines Motorbootes und zweckmässiger persönlicher Ausrüstungen soll die Seerettungsmannschaft instand gesetzt werden, ihre verantwortungsvolle Auf­gabe, schiffbrüchig gewordene Men­schen ans sichere Ufer zu bringen, nach Möglichkeit erfüllen zu können.»

Die Mannschaft und ihr Boot

Mit den Anträgen des Gemeinderats war die Gemeindeversammlung ein­verstanden, und schon acht Tage spä­ter entschied die Feuerwehrkommis­sion an einer Sitzung im .Restaurant Zur Höhe über die Zusammensetzung der Mannschaft:

Jules Meier (Chef), Emil Dietschi (Vize-Chef), Oskar Gattiker (Mate­rialverwalter), Hans Baumgartner, Karl von Euw, Willi Wähli, Jacob Rey, Anton Jans, Franz Mathys, Fritz Aeppli jun., Max Gloor, Henri Müller und Hans Frick.

Am 12. August 1933 traf das von Bootsbauer Burkhard in Uerikon an­gefertigte erste Zolliker Rettungsboot in unserer Gemeinde ein. Es war 8,6 m lang, 2,42 m breit, verfügte über einen 6-Zylinder-Penta-Motor und erreichte eine Geschwindigkeit von 23 Kilome­tern in der Stunde.

Das schreckliche Unglück von 1941

Kaum war das neue Boot in Zollikon, wurde es schon zu einem Rettungsein­satz benötigt: Am 22. August 1933, um 17.15 Uhr, kenterte etwa 300 Meter vor Zollikon ein in Zürich-Enge gemie­tetes Segelschiff. Die Person, die sich allein an Bord befand, konnte gerettet werden.

Immer wieder mussten die Zolliker Seeretter in den folgenden Jahren mit ihrem Schiff - nicht selten bei stürmischer See – Hilfe bringen. So war es auch am Sonntag, 13. Juli 1941. Bei starkem Weststurm fuhren jules Meier, Fritz Aeppli, Willy Eggmann, Wil­helm Marchel und Ernst Theiler hinaus aufs tobende Wasser. Von diesem Ret­tungseinsatz kehrte Seerettungschef Jules Meier aber nicht mehr zurück. Beim Bergen einer jungen Frau und eines Kindes war er über Bord gefallen und in die Schiffsschraube geraten. Erst nach fünf Tagen konnte seine Lei­che in unmittelbarer Nähe der Grenze Zollikon/Küsnacht, etwa 250 Meter vom Ufer entfernt, in einer Tiefe von rund 70 Metern, gefunden werden. Der knapp 44 Jahre alt gewordene Jules Meier, der als Obermaschninenmeister beim „Tages-Anzeiger“ gearbeitet hatte, wurde unter grosser Anteilnahme der Zolliker Bevölkerung beerdigt. Noch heute erinnern ein Bild und ein Gedicht im Lokal der Seeretter an die Verdienste des allseits geschätzten und geachteten Chefs.

Ein eigenes Bootshaus

Als die Stimmberechtigten Zollikons in der Urnenabstimmung vom 23. Juni 1957 einen Kredit : von 1,5 Millionen Franken für die neue Seeufergestal­tung bewilligten, wurde damit auch der Weg für ein Bootshaus frei. Unter der Terrasse bei der neuen Haab erhielten die Seeretter, die bis dahin im Mittel­trakt der «Badi» untergebracht waren, endlich mehr Platz.

Das zweite Rettungsboot

Während der Seegfrörni 1962/63 wurde das 1933 angeschaffte Boot derart in Mitleidenschaft gezogen, dass es er­setzt werden musste. Das Holzboot, das für 77 000 Franken hätte gekauft werden sollen, löste aber unter den Seerettern heftige Diskussionen aus. Es müsse ein unsinkbares Kunststoff­boot angeschafft werden, lautete ihre Forderung. Das beschloss dann die Ge­meindeversammlung am 9. Dezember 1964, indem sie 100000 Franken für ein Kunststoff-Rettungsboot aus der Yacht- und Bootswerft Müller in Spiez bewilligte. Dieses Schiff, dessen Höchstgeschwindigkeit mit 55 km/h an­gegeben wurde, konnte dann am 7. August 1965 den Seerettern übergeben werden. Es war 9,5 m lang und 3 m breit, verfügte über zwei Gray-Marine­Benzinmotoren von je 225 PS und war 3,8 Tonnen schwer. Über alle nur er­denklichen Schikanen verfüge dieses Boot, schrieb damals die «Zürichsee-Zeitung»; «aber es fehlt ihm trotzdem etwas: eine Gotte.» Erst 15 Jahre spä­ter, am 25. Oktober 1980, wurde die Taufe nachgeholt. Das Schiff erhielt den Namen «Zollo Il», und als Gotte waltete Inge Baumann, die Frau des damals zurücktretenden Seeretterchefs Victor Baumann.

Die Seegfrörni von 1963

Blenden wir nochmals zurück, in den kalten Winter 1962/63! Damals fror der Zürichsee - zur grossen Freude von jung und alt - endlich wieder einmal zu. Jeden Morgen um 9 Uhr wurde vor Zollikon die Eisdicke gemessen. Wie aus den Aufzeichnungen des damaligen Seeretterchefs Walter Widmer hervorgeht, betrug die Eisdicke am 24. Januar 2,5 cm. An diesem Tag errich­tete der Seerettungsdienst die ersten Absperrungen. Als das Eis eine Woche später bereits 13,5 cm dick war, konnte auch der untere Teil des Zürichsees freigegeben werden. Fast drei Wochen lang genossen Hunderttausende die Seegfrörni. Die Bilanz für die Zolliker Seeretter: nach drei verlorengegange­nen Kindern gesucht, Hilfe geleistet bei acht Knochenbrüchen und sieben Verstauchungen, bei einer ausgerenkten Schulter und einer Hirnerschütterung sowie bei 13 leichten Verletzungen.

Immer mehr Betrieb auf dem See

In den siebziger Jahren nahm der Be­trieb auf dem See stark zu, und damit stiegen auch die Anforderungen. Ge­schult werden die Seeretter heute am Steuer des Rettungsbootes, im Sani­tätsdienst, in der Handhabung der Ret­tungsgeräte, im Tauchen, in der Öl­wehr, im Löschdienst, in der Knoten­kunde und am Funk. Jährlich sind zehn Übungen zu absolvieren, und letztesJahr waren insgesamt 44 Einsätze (im Vorjahr 53) zu leisten. Wie die Seeret­ter der andern Gemeinden leisten je­weils drei Zolliker an den Wochenen­den vom 1. April bis 31. Oktober im Bootshaus Pikettdienst. Damit erfüllen sie einen Auftrag, wie er in der Ver­ordnung über die Schiffahrt auf zürche­rischen Gewässern vorgeschrieben ist. Doch mit der Schiffsglocke wie vor 75 Jahren wird der Seerettungsdienst bei Ernstfällen längst nicht mehr alar­miert. Alle 24 Seeretter sind an die Telefon-Alarmanlage der Feuerwehr angeschlossen, und mehr als die Hälfte der Mannschaft ist auch über Funk am Arbeitsplatz in Zollikon oder in näch­ster Umgebung erreichbar.

Nochmals ein schwarzer Tag

Nach dem tödlichen Unfall von 1941 gab es nochmals einen schwarzen Tag für den Seerettungsdienst Zollikon: Am 24. September 1988 hatten der 46jährige Walter Gantenbein und ein weiterer routinierter Taucher des See­rettungsdienstes den Auftrag, ein am Vortag vor der «Seebadi» gekentertes und gesunkenes Segelboot zu bergen. Aus ungeklärter Ursache entstanden aber im Verlaufe dieses Tauchgangs in einer Tiefe von etwa 30 Metern Schwierigkeiten. Das bewog die beiden Taucher, die Aktion abzubrechen und aufzutauchen. Dabei verloren sie sich bei der schlechten Sicht plötzlich aus den Augen. Erst am Abend des folgenden Tages konnte die kantonale Seepolizei den Verunfallten mit Hilfe einer Unterwasserkamera in einer Tiefe von rund 65 m sichten und bergen. Mit Walter Gantenbein, der 17 Jahre lang dem Seerettungsdienst angehört hatte, verloren unsere Seeretter einen lebensfrohen, stets einsatzfreudigen und hilfsbereiten Kameraden.

Das dritte Rettungsboot

Am 13. Juli letzten Jahres wurde den Seerettern das zurzeit modernste Ret­tungsboot des Zürichsees übergeben. Es Ersetzte das Boot „Zollo II“, das nach 26 Jahren unter Altersschwäche litt und auch aus Umweltgründen einem Nachfolger Platz machen musste. Für das Aluminiumboot, das Erika Wehrle, die Frau des damaligen Poli­zeivorstands Erwin Wehrle, auf den Namen «Nautilus» taufte, hatte der Gemeinderat einen Kredit von 627 000Franken bewilligt. Das 10,9 m lange, 3,5 m breite und 8,5 Tonnen schwere Rettungs- und Arbeitsboot wird durch zwei Dieselmotoren mit je 306 PS an­getrieben. Schiffsschrauben, die bei Einsätzen gefährlich sein könnten, hat dieses Boot keine; es fährt mit dem Wasserstrahl, der in jedem der zwei Jet-Antriebe erzeugt wird, und so steu­ert man auch das Boot, das eine Spit­zengeschwindigkeit von 55 km/h errei­chen kann.

Auf «christlicher Seefahrt»

In all den Jahren haben es die Seeretter stets auch verstanden, ihre Feste zu feiern. Eine Tradition ist jedes Jahr im . September die Seefahrt nach Pfäffikon SZ, wo sich die Zolliker seit 1943 im Restaurant «Schiff» zu Eglifilets und zu einem Kegelschub treffen. Seit ein paar Jahren dauert die Fahrt mit der «Arche II», dem umgebauten Ledi­schiff der Schenkung Dapples, sogar von Freitag- bis Sonntagabend, und hiefür ist eigens eine «Vereinigung zur Förderung der christlichen Seefahrt» gegründet worden.

Herzlichen Dank!

Es ist nicht jedermanns Sache, Seeret­tungsdienst zu leisten. Wenn es ernst gilt, braucht es viel körperliche Kraft, starke Nerven und vor allem auch Ka­meradschaft. Denn bei Sturmwetter über dem Zürichsee muss sich jeder Seeretter auf den andern verlassen können.

Dass sich Menschen am und auf dem See stets auf den Zolliker Seerettungs­dienst verlassen konnten, ist das Ver­dienst der Männer, die in den vergan­genen 75 Jahren die Geschichte unse­res Seerettungsdienstes geschrieben haben. Es sind dies die Chefs, die Ka­derleute sowie die Mannschaft, es sind dies die Feuerwehr-Oberkommandan­ten und die für die Feuerwehr und den Seerettungsdienst zuständigen Ge­meinderäte, die unseren Seerettungs­dienst seit 1917 ständig weiterentwic­kelt und verbessert haben. Ihnen allen möchte ich am 75. Geburtstag für die grosse Arbeit herzlich danken.

Wilfried Maurer, Oberkommandant der Feuerwehr Zollikon


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